TAZ - 2016-03-24

Wie auf den Postkarten von damals

Potsdam will Millionen ausgeben, um aus einem intakten Hotel eine Wiese zu machen. Dagegen startet nun ein Bürgerbegehren. Der geplante Hotelabriss ist ein Symbol für die umkämpfte Identität der Stadt: Preußen Prunk versus DDR-Moderne

Nachts fällt es besonders auf: Wie eine glühende Zigarette erhebt sich das 17-geschossige Hotelhochhaus dank der roten Leuchtreklame „Mercure“ auf dem Dach über das Dunkel der Potsdamer Innenstadt. Auch tagsüber ragt es neben der Nikolaikirche aus dem ansonsten an Höhepunkten armen Häusermeer der brandenburgischen Landeshauptstadt. An dem unspektakulären Betonklotz hat sich nun ein Streit neu entzündet, der in der früheren Preußenresidenz schon lange schwelt.

Mit einem Bürgerbegehren soll der von der Stadt beabsichtigte Abriss des Viersternehotels mit 210 Zimmern doch noch gestoppt werden. „Am 8. April soll die Unterschriftensammlung beginnen“, so Frauke Röth von der Bürgerinitiative „Potsdamer Mitte neu denken“. Und nicht nur das: Die Initiative will ein Abrissmoratorium für sämtliche Gebäude in der Innenstadt und einen Verkaufsstopp für öffentlicher Grundstücke. Die genaue Fragestellung für das Bürgerbegehren wird derzeit erarbeitet.

Die Weichen für den Hotelabriss hatten die Stadtverordneten Anfang März gestellt, als sie die Änderung der Sanierungsziele für das Areal im Stadtzentrum beschlossen. Die bürgerliche Rathausallianz aus SPD, CDU/ANW und Grünen hatte die Vorlage mit ihrer Mehrheit durchs Stadtparlament gebracht. Dagegen stimmten die Linke und die linksalternative Fraktion Die Andere. Damit sind Änderungen und Modernisierungen an dem Gebäude künftig nicht mehr möglich.

Das Kalkül: Der Hotelbetrieb wird langfristig unattraktiv und der stadteigene Sanierungsträger könnte das Gebäude günstig kaufen und abreißen. Beim Hotelbetreiber stoßen die Pläne der Stadt erwartungsgemäß auf wenig Begeisterung. Die Abrissdebatte erleichtere nicht gerade das Geschäft. Dennoch habe man eine Auslastung von mehr als 60 Prozent, so Hoteldirektor Marco Wesolowski.

Schärfer äußerte sich die Eigentümergesellschaft, hinter der nach Angaben der Stadtverwaltung ein US-amerikanischer Immobilienfonds steht. Die Einmischung in ein erfolgreiches Unternehmen und die bewusste Gefährdung von 55 Arbeitsplätzen sei beispiellos, unverantwortlich und äußerst fragwürdig, hieß es in einer schriftlichen Erklärung an die Stadtverordneten. „Dieser Versuch wird scheitern.“

Möglich sind die Abrisspläne überhaupt nur, weil die Stadtmitte als Sanierungsgebiet einem besonderen Städtebaurecht unterliegt. Die Stadt hat einen Treuhänder eingesetzt, die stadteigene Immobilienholding Pro Potsdam. Diese kann Grundstücke günstig erwerben, die Infrastruktur mithilfe von Fördermitteln verbessern, die Grundstücke anschließend teuer verkaufen und dabei noch Vorgaben für Gestaltung und Nutzung machen.

Derart drastische Eingriffe lässt das Gesetz allerdings nur zu, wenn dadurch städtebauliche Missstände beseitigt werden, die anders nicht zu beheben wären. Eine ungenutzte Industriebrache wäre so ein Missstand oder ein verfallendes historisch bedeutsames Gebäudeensemble, wie es das Holländische Viertel in Potsdam Anfang der 1990er Jahre war. Zu so einem Missstand ist nun auch das Mercure erklärt worden, obwohl es seit mehr als 40 Jahren an seinem Platz steht und völlig intakt ist.

An seiner Stelle sehen die neuen Sanierungsziele eine Grünfläche vor. Diese „Wiese des Volkes“ soll künftig gegenüber dem Landtag zum Verweilen einladen – direkt neben einer vierspurigen Bundesstraße. Der Geniestreich ist das Ergebnis eines vom Sanierungsträger veranstalteten, 500.000 Euro teuren mehrmonatigen Werkstattverfahrens mit sieben Architektenteams. Der Plan steht ausdrücklich unter Finanzierungsvorbehalt; ein Konzept dazu soll es im Juli geben.

Um Kauf und Abriss zu finanzieren – vorläufige Schätzungen gehen von etwa 15 Millionen Euro Kosten aus –, will der Sanierungsträger andere Grundstücke des Areals verkaufen. Doch auf einem Großteil der infrage kommenden Fläche steht derzeit ein Gebäude der Fach­hochschule aus den 1970er Jahren.

Deren Studenten der Informationswissenschaften und des Sozialwesens sollen im Herbst 2017 in einen Neubau auf einen Campus außerhalb der Innenstadt umziehen. Dann will die Stadt das alte FH-Gebäude planieren und die wertvollen Mitte-Grundstücke an Investoren verkaufen. Diese können dann auf 17 Parzellen entlang des derzeit nicht sichtbaren Straßenrasters aus der Vorkriegszeit Wohn- und Geschäftshäuser mit teilweise historisierenden Fassaden erstellen. Doch diesen Plan könnte das Bürgerbegehren nun durcheinanderbringen.

Denn eigentlich geht es um mehr als das Für und Wider eines Hotelabrisses. Der geplante Abriss ist ein Symbol für die umkämpfte Identität der Stadt. Äußerlich steht die Wieder­belebung des Prunks der preußischen Residenzstadt gegen die architektonischen Hinterlassenschaften der DDR-Moderne.

In den kommenden Jahren soll eine ganze Reihe von Bauten aus der DDR-Zeit verschwinden: Neben dem Hotel und der Fachhochschule soll im kommenden Jahr auch die Schwimmhalle am Hauptbahnhof fallen und das benachbarte Terrassenrestaurant Minsk. Das ehemalige Rechenzentrum, das Dutzende Künstler und Kreative nutzen, soll perspektivisch der umstrittenen Garnisonkirche Platz machen. Hinter dem Streit um Gebäude steht die Frage, ob die Stadt den Erwartungen der Touristen entsprechen soll oder denen ihrer Bewohner.

Für die einen geht es darum, dass die Mitte der Stadt so aussehen soll, wie auf Postkarten aus der Vorkriegszeit. Der Beschluss zur „behutsamen Wiederannäherung an den historischen Stadtgrundriss“ wurde bereits 1990 gefasst. Für Potsdams CDU-Fraktionschef Matthias Finken sei damit klar gewesen, dass manche Gebäude nicht stehen bleiben würden, wie er in der Stadtverordnetenversammlung sagte.

Für die anderen geht es darum, für wen die Mitte der Stadt künftig da sein soll. In den Plänen der Stadt vermissen sie den Nutzen für die Stadtgesellschaft. „Den Plänen für die Stadtmitte fehlt es kulturell und sozial an Nachhaltigkeit“, so André Tomczak von der Bürgerinitiative „Potsdamer Mitte neu denken“. Es sei zudem paradox, zuerst 180 städtische Wohnungen abzureißen, um dann mit Millionen aus der Wohnungsbauförderung wieder neue zu bauen. Im April will die Initiative ihr Nutzungskonzept für das Fachhochschulgebäude konkretisieren. Bisher sieht es Räume für Initiativen, Künstler, Tagungen und Veranstaltungen vor. „Wir brauchen doch Leben in der Innenstadt“, sagt Tomczak.

Was den Ausgang des Bürgerbegehrens angeht, sind Röth und Tomczak optimistisch. Protestpotenzial gegen die Rekon­struk­tion preußischer Bauten gibt es allemal. Vor zwei Jahren unterschrieben etwa 14.000 Potsdamer gegen den umstrittenen Wiederaufbau der Garnisonkirche. Die Linke sammelte Anfang März innerhalb von vier Tagen schon mehr als 3.500 Unterschriften gegen den Hotel­abriss. Sie unterstützt nun auch das Bürgerbegehren, wie Potsdams Linke-Chef Sascha Krämer sagt.

Formal haben die Abrissgegner nun zwölf Monate Zeit, wollen aber schon bis zur Sommerpause die nötigen gut 13.000 Unterschriften zusammenhaben, damit sich das Stadtparlament mit dem Thema beschäftigen muss. Lehnt es den Inhalt des Bürgerbegehrens ab, folgt automatisch ein bindender Bürgerentscheid.